Dating in Zahlen

Die Anatomie des Endes – Daten zu Absagen, Ghosting und der deutschen Direktheit

Wie eine Dating-Episode endet, ist oft aufschlussreicher als ihr Beginn. Die Daten zu Absageverhalten offenbaren eine der größten Diskrepanzen zwischen kulturellem Ideal und gelebter Praxis in Deutschland. Obwohl der deutsche Kulturwert der Direktheit, Klarheit und Verlässlichkeit in allen anderen Lebensbereichen hochgehalten wird, scheitert er oft an der Schwelle zur emotionalen, unangenehmen Kommunikation.

Die vorherrschende Endform ist mit weitem Abstand das Ghosting – der vollständige, wortlose Kontaktabbruch nach einem Match, Chat oder sogar Date. Studien schätzen, dass weit über 60 Prozent aller Dating-Kontakte so enden. Es folgt der „Slow Fade“ (Antworten werden immer seltener, kürzer und energieloser) mit etwa 20 Prozent. Die direkteste und in Umfragen von der überwältigenden Mehrheit als einzig fair und respektvoll bezeichnete Form – eine klare, sachliche Absage per Nachricht – wird trotzdem nur in unter 15 Prozent der Fälle praktiziert. Eine Absage direkt nach einem Date (persönlich oder am nächsten Tag) ist mit unter 5 Prozent die seltenste und mutigste Variante.

Diese Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit erklärt sich aus einer tiefsitzenden Konfliktscheu und der Angst, zu verletzen oder unhöflich zu wirken. In der Theorie schätzt der Deutsche Direktheit. In der emotional aufgeladenen Praxis des Absagens fürchtet er jedoch, mit einer ehrlichen Message als brutal, arrogant oder herzlos dazustehen. Also wählt man den Weg des geringsten Widerstands: das Schweigen. Man hofft, der andere verstehe den Wink. Was der „Geghostete“ jedoch empfindet, ist nicht Klarheit, sondern maximaler Respektverlust und Verunsicherung – das Gegenteil der geschätzten Verlässlichkeit.

Eine einfache, neutrale Formulierung wie „Vielen Dank für den netten Abend/das Gespräch. Ich hatte einen angenehmen Eindruck, spüre aber leider keine romantische Chemie für mich. Ich wünsche dir auf deinem Weg alles Gute!“ wird von nahezu allen Rezipienten nach anfänglicher Enttäuschung als erwachsen, respektvoll und wertschätzend anerkannt. Sie beendet die Ungewissheit, lässt dem Gegenüber seine Würde und schließt die Tür sauber.

Die Daten sind daher ein klarer Appell: Das deutsche Ideal der Direktheit sollte auch in unangenehmen Situationen gelebt werden. Ghosting ist keine höfliche Ausrede, sondern ein kommunikativer Bankrott. Wer den Mut zur klaren, frühen und freundlichen Absage aufbringt, stellt sich nicht nur über den Durchschnitt, sondern handelt im eigentlichen Sinne deutscher Kulturwerte – und hinterlässt, selbst beim Ende, einen positiven und reifen Eindruck. In einer Welt des digitalen Verschwindens ist das die wertvollste und seltenste Währung von allen.

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